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9.11.2017

Oktobussy

Nehmt euch in Acht, jetzt kommt die 10! Sein Name ist Etikettenschwindel, und er schmückt sich gern mit fremden Federn, weil er selbst kaum etwas zu bieten hat: der Oktober. Nur ein Mal - erst knapp vor Schluss am Ultimo - konnte er einen Hit landen: Martin Luthers 95 Thesen. Nun wird in Westdeutschland lang und breit und ohne Ende erörtert, ob der 31. Oktober künftig Feiertag sein soll. Dabei haben uns die pragmatischen Amerikaner schon längst gezeigt, wie man's macht. Dort wird der Reformationstag von alters her karnevalesk gefeiert: Halloween (Verballhornung von „Hallo Wittenberg“). Schon die Kiddies terrorisieren ihre Mitmenschen mit unverblümter Erpressung: Entweder zahlen die aus dem Fernsehsessel Geklingelten einen Ablass in Form von Süßigkeiten, oder sie werden über den Kleinen Katechismus examiniert. Die lieben Kleinen sind mit gar grausigen Masken und Verkleidungen ausstaffiert, welche den durch die Reformation ausgelösten Horror symbolisieren. Martin Luther selbst mit seiner markanten Physiognomie wird durch ausgehöhlte Kürbisse verblüffend lebensecht dargestellt. Infolge tatkräftiger Förderung durch die EKD hat Halloween im Laufe der Luther-Dekade auch hierzulande zunehmende Verbreitung gefunden.

Ein weiterer, leider ebenfalls welthistorischer Zwischenfall, der in diesem Jahr einen runden Geburtstag feiert, führt zwar den Oktober im Namen, fand aber im November statt: die Oktoberrevolution. Anders als bei der Oktoberreformation will sich mit diesem Gedenktag aber niemand die Pfoten verbrennen. Nicht einmal die von der Novemberrevolution traumatisierte PDS veranstaltet der Form halber eine kleine Jubelfete im engsten Kreis. Nur der Bildungsverein der PDS, die Rosa-Luxemburg-Stiftung, ringt sich ein paar krampfige Pflichtverstaltungen ab, deren Themen so mitreißend klingen wie ein Lichtbildervortrag der katholischen Seniorenbetreuung, z. B. am 7.11.2017 um 20.00 Uhr in Bielefeld: „Die Oktoberrevolution und die Künste - Wiedervereinigung von Kunst und Leben mit Prof. Dr. Hans-Peter Schwarz“ (erwartungsgemäß ausgefallen). Aber ansonsten nichts weit und breit, nur hie und da ein paar nüchterne Sätze, wie sie schon Nathalie 1964 auf dem Roten Platz abspulte: „Elle parlait en phrases sobres/de la révolution d'octobre“, um dann das Lenin-Mausoleum links liegen zu lassen und lieber mit Gilbert Bécaud im Café Puschkin etwas zu trinken - Schokolade.

Weit weniger nüchtern geht es bei einem anderen weltberühmten Ereignis zu, das gleichfalls nach dem Oktober benannt ist, jedoch im September beginnt: das Oktoberfest. Im Gegensatz zu den massenmörderischen Folgen der Oktoberrevolution sind hier lediglich Bier- und Schnapsleichen zu beklagen.

„O'zapft is“, wie man in den Abhörabteilungen von Stasi und KGB zu scherzen pflegte. Good bye, Lenin! Gsuffa!

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(9.11.2017)